Wie finden eigentlich Urbex-Profis ihre verlassenen Orte?

Ein genauer Blick lohnt sich oft: Ist ein Ort auch wirklich verlassen?
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Kaum hatte ich den Blogpost zum Thema „Verlassene Orte – Welche Lost Places eignen sich für den Einstieg“ Online, kam mir auch gleich die Idee, dass ich darüber schreiben werde, wie Profis ihre verlassenen Orte finden. Ich möchte mich nicht als Profi darstellen, allerdings kann ich von mir selbst behaupten dass ich schon ein recht erfahrener Urbexer bin. Ich habe ja mittlerweile nicht nur eine Locations besucht, sondern schon mehrere. Ich betreibe auch diesen Blog, bin in Communitys unterwegs und beschäftige mich gerne mit diesem Thema. Und ich bin schon seit ein paar Tagen dabei. Doch wie finden die Urbex-Profis eigentlich ihre verlassenen Locations?

Dies wird ein Enthüllungsartikel. Denn es ist so, dass es einen „inneren Zirkel“ gibt. Die Urbexer, die viele Fotos posten, bekommen die krassesten Adressen. Man begrüßt sich auf Tour mit einem Geheim-Handzeichen, damit man erkennt, dass man im „inneren Zirkel“ ist. Damit man offen sprechen kann. Damit man noch vor Ort weitere Locations austauschen kann, die in der Nähe liegen, um nicht nur eine Location an diesem Tag zu erkunden. Dieser „innere Zirkel“ oder von vielen auch als „Geheimbund“ bezeichnet wird eigentlich nicht nach außen getragen. Eigentlich dürfen wir auch nicht drüber sprechen. Ich tue es aber trotzdem mal, lasse aber viele Details weg. Wir haben zum Beispiel auch eine gemeinsame Online-Datenbank, in denen Locations mit Bildern und Adressen veröffentlicht sind, die aber nur für den „inneren Zirkel der Urbexer“ zugänglich sind. Man braucht nicht nur ein Passwort für diese Datenbank, sondern wird das Passwort regelmäßig geändert, damit man nur aktuelle Mitglieder des Zirkels den Zugang erlaubt. Dort stehen auch nicht nur Adressen, sondern auch die Eingänge notiert. Wer in den inneren Zirkel beitreten möchte, der bekommt von mir jetzt eine schlechte Nachricht: Das geht nicht. Du wirst eingeladen. Durch deine schönen Bilder die du in Communitys oder Facebook postest kannst du die Aufmerksamkeit auf dich lenken. Und dann entscheiden wir in einem geheimen Chat darüber ob du eingeladen wirst oder nicht. Und dann? Dann bekommst du eine Einladung, wir chatten kurz mit dir, stellen dir einige Fragen und anschließend wirst du zu einem Mitglied aus deiner Nähe eingeladen. Dort bekommst du dann weitere Instruktionen.

Lass dir von mir keinen Bären aufbinden. Einen „inneren Zirkel“ gibt es nicht. Einen „Geheimbund“ auch nicht. Wir sind ja keine Illuminaten oder so. Es gibt auch keine Online-Datenbank mit Locations und Adressen (mir zumindest nichts bekanntes!).

Wie kommen Urbex-Profis denn nun an ihre verlassenen Orte?

Es gibt verschiedene Wege. Ich nutze praktisch alle gemeinsam. Ich bin auf Facebook in diversen Gruppen für Lost Places unterwegs, in denen ich nicht nur selber Bilder poste, sondern mich auch aktiv dran beteilige. Kommentare schreibe, Likes setze und so weiter. Das ist wichtig, denn wenn jemand ein schönes Bild postet, kann er dafür auch ruhig mal ein Lob bekommen. Das ist meine Meinung. Dieser stille Konsum von Bildern ist zwar vollkommen Okay, allerdings kann man dem Fotografen ruhig mal sagen, dass er eine gute Arbeit geleistet hat. Diese Fotos geben manchmal Hinweise. Dem kleinsten Hinweis gehe ich gerne nach, setze mich hin und google bis zum geht nicht mehr.

Aber auch in den Beschreibungen sind oft Hinweise versteckt, die sich nutzen lassen, um über das Internet eine Location zu finden. Ich habe zum Beispiel mal eine Beschreibung gelesen, da ging es um ein verlassenes und stillgelegtes Kraftwerk. In der Beschreibung steckte der entscheidende Hinweis dafür, dass ich die Location finden konnte. Er hatte nämlich etwas angegeben, was ein Alleinstellungsmerkmal war. Und ich habe einfach nur Google benutzt, um entsprechende Hinweise einzugeben verschiedene Locations miteinander zu vergleichen. Dann gibt es noch die Bildersuche, über die man dann die verschiedenen Locations sich ansehen kann – von Bildern, die es schon im Internet davon gibt. Und so kam ich zum verlassenen Kraftwerk, welches ich bis heute noch nicht besucht habe.

Ich habe aber auch schonmal stundenlang über der Google-Bildersuche gehangen, weil ich Kirchtürme miteinander verglichen habe. Warum? Weil ich auf einem Bild in einer Lost Place Facebook-Gruppe eine Aussicht sehen konnte – auf der man Berge und einen Kirchturm sah. Und dann habe ich einfach so viele Kirchtürme mir angesehen, bis ich zu dem entscheidenen Kirchturm kam. Der war nämlich genau der, der auf dem Bild zu sehen war – und schon hatte ich den Ort der Location und konnte mir alles weitere raussuchen.

Eine Kristallkugel gibt es nicht: Recherche ist das Zauberwort
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Eigene Recherche ist extrem wichtig, frisst aber Zeit

Damit möchte ich eins verdeutlichen: Die eigene Recherche ist extrem wichtig. Immer wieder verbringe ich Stunden vor dem Rechner, nur um einen verlassenen Ort ausfindig zu machen. Ich gehe dabei jedem entscheidenen Hinweis nach. Die eigene Recherche frisst aber auch enorm viel Zeit. Auf der Suche nach dem Kirchturm habe ich locker 3 Stunden nur Bilder von Kirchtürmen mir angeschaut, bis ich den gefunden hatte, der mich zum Ort geführt hat.

Man kann auch einfach in die Gruppen schreiben „Ich suche Lost Places im Umkreis von Stadt X“. Da kann ich dir allerdings gleich sagen, dass das nichts wird. Denn: Die meisten Leute in der Gruppe werden dir ein Kommentar schreiben, dass du nicht so einfach nachfragen und eine Antwort erwarten kannst. Andere suchen sich dumm und dämlich, tauschen Locations und so weiter – und du willst einfach so dass man dir eine Location verrät? Glaub mir, damit wirst du nicht wirklich weit kommen.

Kontakte – Gibt es doch den inneren Zirkel?

Ich habe auch einige Kontakte in meiner Freundesliste auf Facebook, die genau so wie ich gerne in Lost Places unterwegs sind. Die kenne ich aus den Gruppen, habe ich hinzugefügt weil man sich so per Chat besser austauschen kann. Ich möchte diese Kontakte nicht als inneren Zirkel betrachten, nur gehe ich mit diesen Personen anders um. So habe ich zum Beispiel eine Person in meiner Liste, mit der tausche ich gut und gerne Locations aus. Wenn er Bilder von meinen Locations sieht und ihn eine interessiert, kann er mich gerne anschreiben und direkt danach fragen. Er bekommt dann auch eine Antwort. Und zwar die genaue Adresse bzw. die Koordinaten. Warum? Weil das Leben ein geben und nehmen ist. Ich habe auch schon geile Locations von ihm bekommen, die es einfach in sich hatten. Und so weiß ich aber auch, dass ich ihn nur anschreiben brauch und schon eine coole Location bekomme.

Das heißt, dass man schon mit der Zeit sich einige Kontakte aufbauen muss, um entsprechende Locations zu bekommen. Man kann einfach nicht alles finden oder hat manchmal einfach nicht die Zeit, um sich um alles selber zu kümmern. Dann sind solche Kontakte Gold wert. Wir haben mittlerweile schon einige Locations getauscht und wenn er was neues braucht oder sieht, braucht er mich einfach nur zu fragen.

Augen offen halten, Kontakte & Recherche: Drei Wege um Lost Places zu finden
Augen offen halten, Kontakte & Recherche: Drei Wege um Lost Places zu finden

Das bedeutet jetzt aber nicht, dass du mich auf Facebook hinzufügen kannst, ein paar Gespräche mit mir führen kannst und mich dann nach Locations ausfragst. So läuft das nämlich nicht. Ich möchte zum Beispiel schon Bilder von dir sehen. In Gruppen. Vielleicht auch auf einer Facebook-Seite. Einfach nur damit ich weiß, dass du gerne fotografierst und dich nicht in den Locations daneben benimmst. Die Person mit der ich schreibe, da wissen wir beide dass wir für Fotos dahin gehen und nicht um irgendwas zu zerstören. Wir wissen das wir uns an den Urbex-Codex halten und hoffen das auch von anderen.

Foren sind das gleiche wie Gruppen – helfen dir aber auch

Ich bin auch in diversen Foren unterwegs, die sich mit dem Thema Lost Places beschäftigen. Dort gibt es natürlich immer Bereiche, in denen man seine Fotos posten kann. Das tue ich dann auch. Aber ich bringe mich auch so ein. So schreibe ich zum Beispiel unter anderen Fotos die mir gefallen, dass die Fotos mir gefallen und warum. Es gibt in den Foren noch andere Themen zum Thema Urbexing, in denen ich mich auch einbringe. Einfach um auf dem Schirm zu bleiben und natürlich, weil mich das Thema selber interessiert.

So bleibt man mit anderen Leuten in Kontakt, ohne sie gleich als privaten Kontakt zu haben. Und so tauscht man sich auch lieber über Locations aus. Denn in Foren gibt es oft die Funktion der „privaten Nachrichten“. Die nutzen wir wirklich häufig, um nicht öffentlich über verlassene Orte zu schreiben und nicht öffentlich Koordinaten offen zu legen. Hier könnte man meinen dass es ein innerer Zirkel wäre, ist es aber nicht. Auch wenn man für die Foren eine Freischaltung benötigt, so ist es so, dass man recht zügig freigeschaltet wird, auch ohne dass man was erbracht hat. Allerdings musst du dich einbringen und am „Forenleben“ teilnehmen, damit du nicht nur wahrgenommen wirst, sondern auch vertrauen von anderen Mitgliedern gewinnst.

Die Urbex-Profis halten auch ihre Augen immer offen!

Zu guter letzt gibt es noch eine Möglichkeit, wie wir erfahrenen Urbexer an neue Locations kommen: Wir halten die Augen immer offen! Mit der Zeit lernt man Locations zu entdecken, die ziemlich verlassen aussehen. Dafür gibt es einige Anhaltspunkte: Zerstörte Scheiben, sehr verdreckte Scheiben, ungepflegtes Grün auf dem Grundstück und so weiter. Bei mir kommt es natürlich nicht vor, dass ich durch die Gegend fahre nur um Locations zu finden. Es ist eher so, dass wenn man unterwegs ist, die Augen einfach nur offen behält.

Ein genauer Blick lohnt sich oft: Ist ein Ort auch wirklich verlassen?
Ein genauer Blick lohnt sich oft: Ist ein Ort auch wirklich verlassen?

Wenn ich dann zum Beispiel eine Location sehe, dann ist es meistens so, dass man sie nicht direkt untersuchen kann ob sie wirklich verlassen ist, weil man ja ein Ziel hat, wo man hinfährt. Und dann fehlt einem auch die Zeit. Dann markiere ich mir den Punkt mittels iPhone in den Karten (Stecknadelfunktion) oder schreibe mir in den Notizen auf, wo ich war und was ich gesehen habe. Dann schaue ich später in Google Maps nach, wie man dort hin kommt und versuche den scheinbar verlassenen Ort zu „untersuchen“. Dabei nehme ich kein Equipment mit, denn das würde mich nur stören. Es geht ja nicht darum, direkt Fotos machen zu können, sondern in Ruhe schauen zu können: Um was handelt es sich eigentlich? Wo kommt man am besten rein? Gibt es überhaupt einen Eingang? Lohnt sich ein Ausflug? Ist dieser Ort überhaupt verlassen?

Wenn ich dann bestätigen kann, dass dieser Ort verlassen ist und sich ein Ausflug lohnt, wird die Lost Place Tour geplant – denn alleine geht man ja sowieso niemals los. Man muss sich auf einen Termin einigen und man muss planen, was man alles mitnimmt. Und dann kann dir Tour eigentlich auch schon starten.

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10 Kommentare
  1. Carsten Osterwald schreibt:

    Hallo Christian,
    was deine Beschreibung der Recherche angeht, kann ich Dir nur in allen Punkten
    zustimmen. Ich mache es ganz genau so.
    Zwar habe ich keinen FB Account und bin nur bei Fotocommunity und eigene HP,
    dennoch habe ich inzwischen mehrere Seiten mit Adressen von Lost Places.
    Es gibt nur ein Problem: Es fehlt immer wieder die Zeit 🙂

    Einen Punkt der Recherche würde ich deiner Auflistung gerne noch hinzu fügen:
    Ich sitze Abend sehr oft mit Laptop auf der Couch (oder im Bett) und blättere
    mich durch Berichte, Veröffentlichungen und auch Foren, wo ich mich nicht verstärkt
    einbringe. Und da sollte man Zeit investieren und einfach nur lesen lesen lesen.
    Habe es schon oft erlebt, das sich der ein- oder andere einfach nur verplappert hat
    oder Andeutungen diskutiert werden……denen man dann nur noch nachgehen muss…
    …so wie du es anfänglich ja schon beschrieben hast.

    So, jetzt kommt grad die Sonne raus (nach tagelangem Regen)….d.h.: Camera
    schnappen und raus!!

    In diesem Sinne,
    noch einen schönen Nachmittag

    VG
    Carsten

    1. Christian schreibt:

      Hey Carsten,

      gut, diese Art von Recherche fällt unter das „Googlen“ wie ich finde. Hinweisen nachgehen ist unser täglich Brot 😉

      Grüße,
      Christian

  2. a7 schreibt:

    mein tool fürs aufspüren: panoramio.com

    1. ABC.DE schreibt:

      Leider soll Panoramio abgeschaltet werden…

  3. Christian Julius schreibt:

    Urbexer sind mitunter seltsame Menschen, ich mag sie eigentllich auch nicht sonderlich. Professionelle Fotografen verraten ihre Locations so gut wie nie, daher lasse ich sie auch links liegen. Bei mir hat sich im Laufe der Zeit eine kleine Gruppe gefunden, die in einem unsichtbaren Forum aktiv ist. Ich habe nur solche dort behalten, die aktiv etwas beitragen und alle anderen wieder raus geworfen, die nur absaugen wollten.
    Wir posten viel in Foren, geben aber keinerlei Infos heraus, völlig egal wer uns da fragt, ob Neuling oder „Top Urbexer“. Das bleibt sowieso nicht dort, sondern wandert weiter. Ok, für Kasernen, LP Huren wie Anna L usw. ist keine Geheimhaltung erforderlich schon wegen der Größe. Es gibt Spinner, die meinen auch noch den Müll schützen zu wollen vor der Zerstörung. Es ist mit dem Sammeln von Computerviren was ich früher tat, erst sind es nur ein paar und je mehr Leute man kennt, dann sind es plötzlich tausende.

    1. Christian schreibt:

      Hey Christian,

      gut, man findet sich ja eh immer zusammen: Die 5 Jungs aufm Schulhof, die 3 aus der Fussballtruppe, jetzt sind es halt die Urbexer, die Spaß an Lost Places haben. Natürlich tauscht man in einer so „intimen“ Gruppe, mit der man dann ja auch intensiv im Kontakt steht, die verlassenen Orte aus und mit anderen nicht. Ich finde aber auch, dass man ruhig die bekannteren (wie Anna L) weiterhin kann versuchen zu schützen. Ich halte mich an den Codex, von A bis Z, von gut erhalten bis „Müll“ 🙂

      Grüße und weiterhin gut Licht,
      Christian

  4. Heidi schreibt:

    Es gibt inzwischen tatsächlich für die Schweiz eine kleine Urbex Datenbank…nicht wahnsinnig umfangreich, aber immerhin 😛

    1. Christian schreibt:

      Hey Heidi,

      das finde ich aber weniger toll wenn jemand sowas anbietet.

      Grüße,
      Christian

      1. Heidi schreibt:

        Hey Christian. Ja, mit dieser Meinung bist du wohl nicht allein. Da hat wohl jemand einen unerschütterlichen Glauben an die Menschheit

  5. Fabienne gliege schreibt:

    Hallo ich und mein Mann sind seit kurzen am fotografieren und wollen von solchen Orten Fotos machen da wir aber so was nicht finden ist es nicht möglich wir finden es immer schade wenn Leute diese Dinge zerstören oder etwas mitnehmen da wir diese Orte gerne kennenlernen wollen und das auch tolle Orte sind das ist schön so was noch zu haben

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